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Jörg Herchet

Bereits die ersten veröffentlichten Kammermusikkompositionen Jörg Herchets, die er seit 1972 aufeinander aufbauend schafft und bald zu großen Orgel- und Kantaten-Zyklen sowie zu Orchester- und Musiktheaterwerken entwickelt, offenbaren sein Bestreben, archetypische und zugleich erstaunlich aktuelle geistige Kräfte zur musikalischen Entfaltung zu bringen. Er durchbricht damit persönliche und gesellschaftliche Konfliktzonen - gleich welcher Provenienz - und gelangt in geistliche Dimensionen, die ihm Erkenntnisgewinn und Lebenshilfe bedeuten.

Musikalisch-strukturell beginnt sein Weg mit einer auf Schönberg und Webern gerichteten Dodekaphonie am Anfang seines Studiums an der Dresdner Musikhochschule, so dass er sich schon hier - etwa in Verbindung mit einem auf Kafka bezogenen Text - schärfsten Angriffen ausgesetzt sieht, die an der (Ost-)Berliner Musikhochschule eskalieren und bis zur Nicht-Anerkennung seiner Examensarbeiten führen. Angesichts einer schweren Lungenerkrankung oft in Todesgefahr schwebend, begegnet ihm in Paul Dessau schließlich ein Lehrer, der ihn ermutigt, sich von allen vorgegebenen Schemata und Zwängen zu befreien und einer ganz eigenen Klangsprache zu folgen, die vollständig aus dem Inneren schöpft. Nach ersten Aufführungen seiner Werke im Westen Deutschlands und späteren direkten internationalen Kontakten öffnet sich Jörg Herchet ab Ende der 70er Jahre vor allem Tendenzen der seriellen Musik, ehe er mit der politischen Wende im Osten Deutschlands und seiner Ernennung zum Professor für Komposition an der Dresdner Musikhochschule seinen künstlerischen Weg erneut grundlegend überdenkt und über elementare Strukturen zu komplexen Klangvernetzungen findet, mit denen er auf Erscheinungen des angehenden 21. Jahrhunderts reagiert. (Christoph Sramek)

(„die töne haben mich geblendet“. Festschrift zum 60. Geburtstag des Dresdner Komponisten Jörg Herchet. Hrsg. Christoph Sramek.Verlag Klaus-Jürgen Kamprad. Altenburg 2003, Auszug aus dem Vorwort des Herausgebers)