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Udo Zimmermann

Marc Ernesti

Alles, nur nicht einseitig: Prof. Udo Zimmermann zum 60. Geburtstag

Es ist ein untrügliches Zeichen dafür, wie sicher Udo Zimmermann als Künstlerpersönlichkeit in der Moderne verankert ist, dass in vieler Hinsicht auch das Gegenteil als Lesart denkbar ist. So gibt es nur wenige zeitgenössische Komponisten, die in einer annähernd vergleichbaren Weise medial präsent wären - und doch droht zugleich hinter der Fülle des Geschriebenen der Musiker Zimmermann zu entgleiten, auf faszinierende Weise unbegreifbar zu bleiben, sich der Eindeutigkeit zu entziehen. Der 1943 in Dresden geborene, ehemalige Kruzianer bezieht aus seinem Verhältnis zu typisch Dresdner Traditionen - kirchenmusikalischer Prägung, profundem handwerklichen Können und zutiefst humanistischer Ethik - ein Gutteil seiner künstlerischen Spannung, und doch ist er nie im Sinne des Provinziellen seiner Heimat verhaftet geblieben; im Gegenteil, er ist ein Musiker, dessen Ästhetik noch während der DDR bewies: hier ist einer, der in Werken wie der Weißen Rose, in Levins Mühle das im Westen so geläufige Klischee von sozialistisch-realistischer Einheitsware unterlief, mit einer überragenden Musikalität und, im umgekehrten Sinne von Eislers Bonmot ‚Wer nur etwas von Musik versteht‘, damit natürlich einem überragenden Künstlertum. Es war und ist deshalb naheliegend gewesen, dass Zimmermann diese überragende Einsicht in künstlerische Prozesse schon zeitig wegführte vom Komponieren im engeren Sinne hin zur Dramaturgie, zum Componere größerer Elemente, zum Aufzeigen von Linien, von Entwicklungen: an der Sächsischen Staatsoper, in Bonn, als Intendant in Leipzig, an der Deutschen Oper Berlin. Fähigkeiten, die so unterschiedliche Einrichtungen wie die Münchener ‚musica viva‘, die Berliner Akademie der Künste zu schätzen wissen, für deren Programmatik er verantwortlich zeichnet. Die Deutschen, denen immer schon an bürokratischer Ordnung lag, tun sich leicht damit, dergleichen in Schubladen zu sortieren: E.T.A. Hoffmann - Komponist wird Schriftsteller. Zimmermann - Komponist wird Intendant. Nähert man sich jedoch dem Musiktheater quasi in doppelter Funktion, als Komponist und Dramaturg, von innen heraus, begreift man diese Aufgabe vor dem selbst zum Gegenstand der Reflexion gewordenen Werkbegriff im 20. Jahrhundert, stellen sich ganz andere Assoziationen ein: etwa vom Makro-Kontrapunkt, von der Entwicklung des ‚Opera aperta‘ im Eco‘schen Sinne, von einer quasi aus dem Prinzip der Collage, des verfremdeten Zitats geschaffenen, höchst intelligenten Form der Intertextualität. Der Spielplan also eine ins Große gespiegelte Form kompositorischer Arbeit? Vor diesem Hintergrund heben sich auch die eher äußerlichen Elemente von Zimmermanns Vita wie etwa die kulturpolitischen Aktivitäten auf eine ganz andere Weise ab: es sind Bausteine im Gefüge größerer Werke, ganzer Spielpläne. Sie dienen mithin künstlerischen Absichten, sind vielleicht Material wie der Tonvorrat einer Reihe. Überträgt man einen der Grundzüge seines Arbeitens, die Mischung aus Spontaneität und Beharrlichkeit, als Interpretationsmuster auf die letzten, von Berlin mitgeprägten Jahre, ergibt sich auch hier wieder ein fast diametral entgegengesetztes Bild zum öffentlichen Porträt. Spontaneität, die Freiräume schafft für künstlerische, für professionelle Höchstleistungen. Beharrlichkeit im Sinne künstlerischer Konsequenz, das absehbare Debakel bundesdeutscher Kulturpolitik eben nicht mitverantworten zu können. Udo Zimmermann ist zu jung, als dass man seinen künftigen Schwerpunkt als Künstlerischer Leiter und absehbarer Intendant des Kultur Forums Hellerau zu einer logischen Konsequenz stilisieren müsste, einer Krönung seines Arbeitens. Denn das Gegenteil ist wiederum richtig: die Begegnung der Künste hat sich sein ‚Kind‘, das von ihm 1986 gegründete und seither geleitete Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik (DZzM), schon lange vor dem postmodernen Zeitalter medialen Allerleis auf die Fahne geschrieben. Das Europäische Zentrum der Künste Hellerau, es schließt wohl eher den in Dresden begonnenen Kreis. Auf einer höheren Ebene.

(aus: Musik in Sachsen 2003)

 

Faszinierende Einsichten ins Musiktheater heute und in die Persönlichkeit Udo Zimmermanns bietet der bei Reclam Leipzig erschienene Band ‚ ‘Man sieht, was man hört: Udo Zimmermann über Musik und Theater’, hrsg. von Frank Geißler und Brunhild Matthias.