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Wilfried Krätzschmar

Über den Komponisten Wilfried Krätzschmar

Lyrische Sensibilität, ironische Entlarvung, brennendes Engage­ment und bitterer Sarkasmus sind Maximen künstlerischen Schaf­fens, die der Dresdner Komponist und Hochschullehrer Wilfried Krätzschmar bis zu den demokratischen Veränderungen vom Herbst 1989 in seinem musikalischen Wirken zum Ausdruck brachte. Aufge­wachsen im Zwiespalt zwischen unangepasstem Elternhaus und dok­trinärer Ausbildung, begegnete er den vormals herrschenden poli­tischen und auch ästhetischen Zwängen mit rückhaltlos offener künstlerischer Kreativität, indem er faszinierende, zielgerichtet entwickelte Klangphantasie mit einer Schärfe der Metaphorik verband, die nicht selten extrem gegensätzliche Hörerreaktionen auslöste und harte persönliche Angriffe oder auch weitgehende Ignoranz seitens der sozialistischen Medien zur Folge hatte. In der musikalischen Öffentlichkeit wuchsen jedoch Ansehen und Vertrauenswürdigkeit des Komponisten, so dass er nach der gesell­schaftlichen Wende im Osten Deutschlands 1990 zum Vorsitzenden des Sächsischen Landesverbandes im Deutschen Komponisten-Interessenverband, 1991 zum Rektor der Dresdner Hochschule für Musik "Carl Maria von Weber", 1993 zum Vizepräsident und von 2003 bis 2007 zum Präsident des Sächsischen Musikrates berufen wurde.

Das Außergewöhnliche, Herausfordernde der Klangsprache von Wilfried Krätzschmar besteht weniger in bizarrer Fremdheit oder demonstrativer experimenteller Spekulation seiner Musik, als vielmehr in der Leuchtkraft instrumentaler Farbigkeit, in der klaren, pointierten Prozessualität der musikalischen Ereignisse sowie im organischen, gleichsam atmenden Klangstrom, der auch den gegenwärtig entstehenden Werken zugrunde liegt und trotz scharfer Kontraste eine sinnerfüllte, übergreifende Einheit spürbar werden lässt.

Insbesondere angeregt von der oft kathartischen Expressivität Karl Amadeus Hartmanns, der rational untersetzten Sinnlichkeit der Musik Witold Lutoslawskis sowie der raumgreifenden, symbol­trächtigen Collagetechnik Bernd Alois Zimmermanns initiiert der sächsische Tonschöpfer auch auf der Grundlage bodenständiger eigener Musizierpraxis - nach seinen Worten - "ein gemeinsames Abenteuer mit dem potentiellen Hörer, ein aktives Im-Ganzen-Sein, ein waches Genießen von gestaltetem Klang" mit nicht selten ambivalenter Tendenz.

Zuvorderst artikulieren sich diese Eigenarten Krätzschmarscher Handschrift in seinen vier Sinfonien, die zwischen 1978 und 1985 entstanden und von international renommierten Orchestern uraufge­führt wurden. Auf der Basis einer zumeist zweiteilig-antithetischen Architektur der Großform entfalten sich emphati­sche Spannungsbögen, deren Gestaltqualität sich nach seriellen Prinzipien anfangs beinahe unmerklich wandeln, dann aber immer eklatantere Veränderungen erfahren und sich bis zur Peripetie steigern. Die dabei entstehende Klangmagie gewinnt an zusätzli­cher Brisanz auch durch die Einbeziehung von Selbst- und Fremdzi­taten, da sich diese polystilistischen Elemente dem avantgardi­stisch geprägten Klangstrom widersetzen und mit eigener Semantik befrachtet sind.

In seinen großen Vokalwerken überträgt Wilfried Krätzschmar diese Collagetechniken in gewisser Weise auf die Textbehandlung, um auf brandaktuelle Fragen der Gegenwart mit historischer Tiefe zu reagieren. Die vokalsinfonischen "Heine-Szenen" von 1983 zeichnen so ein "apokalyptisches Bild von visionärer Kraft" (Eberhard Kremtz), während das Oratorium "grüß ich tausendmal - Heimatlandschaften" von 1988 in unmissverständlicher Deutlichkeit darstellen, dass das Leben für viele Menschen in ihrer angestamm­ten Heimat zu dieser Zeit schwer erträglich geworden war. Im Jahr 1991 hingegen entstand das Werk geistlicher Chorsinfonik "und schon jetzt (sequenza lauda)", das den alltäglichen Ängsten und Sorgen Zeichen von Hoffnung und geistiger Überwindung entgegen­stellt.

Eine enorme Breite von Klangerfahrungen offenbart sich außer­dem auf dem Gebiet der Kammermusik. Häufig angeregt von seiner Arbeit mit den Studenten, die wie Christian Münch, Thomas Kupsch, Ekkehard Klemm und Benjamin Schweitzer inzwischen selbst zu ge­standenen Tonsetzern heran gereift sind, erprobt Wilfried Krätz­schmar neue Klangwirkungen zwischen einzelnen Instrumenten und Anläufe für große orchestrale Formen. In Anspielung auf Werke des Erbes verrät allein schon der Titel "possibilmente alla serenata für Kammerensemble - Nachspiel zum Vormittag eines Ubu" (1989), dass der schöpferische Umgang mit der Vergangenheit dabei als wichtige Schaffensgrundlage dient, zu der sich der Komponist ausdrücklich bekennt: "Tradition mobilisiert und engagiert zum Weiter-Machen; sie lastet auch nicht, sondern schiebt vorwärts. Hingabe an neues, das Ausliefern ans Unerprobte hat nichts mit Abwenden von der Tradition zu tun, sondern ist im Gegenteil deren einzige würdige Konsequenz."

Christoph Sramek (in: Musik in Sachsen 2004